Selfpublishing bei Amazon – Muss das wirklich sein?
Nein, muss es nicht, aber ich war neugierig. So viele Blogs, Videos oder Podcast versprechen das schnelle Geld mit KDP (Kindle Direct Publishing, Selfpublishing-Dienst von Amazon). Aber wie funktioniert so eine KDP-Veröffentlichung überhaupt? Und wird man damit automatisch reich?
Im Februar habe ich mein erstes KDP-Projekt (Kindle Direct Publishing, Selfpublishing-Dienst von Amazon) fertiggestellt. Nachdem es zwei Tage in der Prüfung war, wurde es veröffentlicht – finally. Es ist ein schmaler Gedichtband mit Werken der Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff. Das Ergebnis könnt ihr unten in der Galerie sehen, oder direkt auf Amazon. Bei dem Projekt ging es mir allerdings weniger um den Inhalt – obwohl mich die Verse mit jedem Lesen stärker in ihren Bann zogen – als um den Publishing-Prozess bei einer der größten Selfpublishing-Plattformen.
Amazon.com, Inc. – viele Buchbranchen-Herzen erzittern wahrscheinlich bei dem Namen dieses Giganten. Oft genug stand Amazon zu Recht in der Kritik. Sei es wegen der höheren Rabatte, die der Konzern aufgrund seiner Marktdominanz von Verlagen verlangt, bei Händler*innen erzwungene Preisobergrenzen oder wegen der schlechten Qualität der auf KDP veröffentlichten Titel, um nur einige Punkte zu nennen. Von der digitalen Abhängigkeit von AWS (Amazon Web Services), das Cloud-Dienste anbietet, und den Arbeitsbedingungen bei Amazon will ich gar nicht erst anfangen. Kurz: Es gibt viel zu kritisieren an dem Online-Händler.
Gleichzeitig scheint der Selfpublishing-Markt bei KDP zu florieren, leider auch wegen der Flut an KI generierten Inhalten. Aber bleiben wir bei den von echten Menschen mit Herzblut verfassten Geschichten oder Sachbüchern. Für viele Neu-Autor*innen ist KDP eine unkomplizierte Möglichkeit, eigene Texte zu veröffentlichen, ohne den oft steinigen Weg über Verlage oder Literaturagenturen gehen zu müssen. Hinzu kommt, dass niemand anderes Einfluss auf den Inhalt nimmt, als der/die Urheber*in selbst, man/frau die Cover-Auswahl selbst treffen und auch sonst fast alles bestimmen kann, was andernfalls der Verlag übernimmt. Und schon kann das eigene Werk bequem über einen der größten Online-Versandhändler vertrieben werden. Ist das wirklich so einfach?
Erste Erfahrungen
Im Grunde braucht es tatsächlich nicht viel. Ich erstelle einen KDP-Account und schon kann ich mit dem ersten Buchprojekt beginnen. Als erstes wähle ich das gewünschte Format. Es stehen E-Book, Taschenbuch und Hardcover zur Verfügung. Viele wählen das E-Book, was bei längeren Texten wie Romanen oder Ratgebern Sinn macht und mehr Gewinn abwerfen kann (dazu mehr unter „Zu den Zahlen“). Da ich aber vor jedes Gedicht ein farbiges Bild gesetzt habe und mein Layout beibehalten möchte, wähle ich das Hardcover. Taschenbuch und Hardcover werden on demand gedruckt – wo genau, konnte ich nicht eindeutig herausfinden, es scheint keine feste Druckerei zu geben (Nachtrag: Mein Hardcover-Belegexemplar wurde in Polen gedruckt). Nachdem die Beschreibungsdetails, Titel und bibliografische Daten ergänzt sind, kann ich Cover und Text hochladen. Weil ich nicht allzu viel Zeit in den Inhalt investieren wollte, entschied ich mich dafür, einen Gedichtband mit gemeinfreien Texten zu erstellen. Denn einen Roman konnte ich auf die Schnelle nicht entwickeln – mein Projekt sollte in zwei Wochen fertig sein. Es hat dann doch etwas länger gedauert. Was daran lag, dass die einzelnen Schritte für die Herstellung des Inhalts mehr Zeit in Anspruch nahmen, als ich dachte: Die Auswahl der Gedichte, das Prüfen und Angleichen an die aktuelle Rechtschreibung, das Verfassen eines Nachworts und die vorherige Recherche, die Auswahl geeigneter Bildern, das Ergänzen der Bildnachweise, Einfügen eines Inhaltsverzeichnisses, Ergänzen von Seitenzahlen, Layouten, mehrfaches Korrekturlesen, Cover gestalten. Da ich arbeite (und ein Kind habe), kam ich erst abends oder am Wochenende dazu – wie es bei vielen Autor*innen oder Herausgeber*innen im Selfpublishing wohl der Fall ist.
Nach Hochladen des Manuskripts – was mehrere Minuten gedauert hat – kann ich die Rechte und Preise der jeweiligen Ausgabe festlegen. In einer Preistabelle wird genau aufgeschlüsselt, wie hoch der Gewinn bei welchem Verkaufspreis ist, was praktisch für einen schnellen Überblick ist. Außerdem von Vorteil ist, dass Amazon kostenlos eine ISBN (International Standard Book Number) für die jeweiligen Titel vergibt. Diese müsste ich sonst selbst im ISBN-Shop erwerben (eine einzelne kostet ca. 83,30 EUR, für mehrere gibt es günstigere Paketangebote). Was mir auch abgenommen wird, ist die Abgabe der zwei Pflichtexemplare an die DNB (Deutsche Nationalbibliothek) – ein Exemplar für den Standort Leipzig und eines für Frankfurt am Main. Die DNB kommt damit ihrem Sammelauftrag nach, jedes in Deutschland, in deutscher Sprache oder über Deutschland veröffentlichte Buch zu sammeln. Daher besteht für deutsche Autor*innen die Ablieferungspflicht ihrer Veröffentlichungen.
Zu den Zahlen – knapp 1 EUR pro Verkauf beim Hardcover
| Bruttopreis | Nettopreis | Satz | Umsatz | |
| Hardcover | 18,19 EUR | 17,00 EUR | 60 % | 10,20 EUR abzüglich 9,21 EUR Druckkosten = 0,99 EUR |
| E-Book | 8,00 EUR | 7,48 EUR | 35 % | 2,61 EUR |
Nun ist das Buch fertig und kann als Hardcover und als E-Book auf Amazon erworben werden. Das Hardcover kostet 18,19 EUR. Der Nettopreis, also abzüglich 7 % Mehrwertsteuer, beträgt 17,00 EUR. Davon erhalte ich als Herausgeberin einen Satz von 60 % je verkauftes Exemplar, was 10,20 EUR Umsatz entsprechen würde. Allerdings müssen hiervon noch die Druckkosten in Höhe von 9,21 EUR je Exemplar abgezogen werden. Pro verkauftem Titel kommen also 0,99 EUR Gewinn bei mir an. Eine schnelle Einnahmequelle ist das definitiv nicht – vermutlich einer der Gründe, weshalb die meisten Urheber*innen hier auf E-Book setzen.
Beim E-Book fallen die Druckkosten weg, wodurch die Einnahmen nicht so stark gemindert werden. Mein E-Book kostet 8,00 EUR, das entspricht einem Nettoprei von 7,48 EUR. Vom Nettopreis erhalte ich einen Satz in Höhe von 35 % je verkauftes Exemplar, was 2,61 EUR entspricht. Das ist also mehr als das doppelte im Vergleich zum Hardcover, obwohl dieses viel teurer ist. Reich werde ich damit wohl nicht, aber zumindest reicher um eine Erfahrung, und die Welt ist um eine KDP-Veröffentlichung reicher. Ob sie darauf gewartet hat, ist allerdings eine andere Frage.
Mein Fazit (nicht abschließend und ohne Gewichtung)
Pro
Contra
- Bekannte und etablierte Selfpublishing-Plattform
- Unkompliziertes Einreichen des Manuskripts
- Kostenlose ISBN-Vergabe
- Pflichtexemplar-Abgabe durch Amazon
- Transparente Preiskalkulation
- Keine Qualitätskontrolle
- Nur bei Amazon bestellbar
- Intransparenz bei der Herstellung (Angabe Druckerei, Verwendung von KI)
- Wenig Gestaltungsspielraum bei der Herstellung (Auswahl des Formats, des Papiers, der Druckerei)
- Unterstützung des Online-Händlers Amazon







